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Smarte Strategien sind noch selten

Anlässlich der diesjährigen Industriemesse in Hannover hat der Branchenverband Bitkom eine Kurzstudie zum Stand der Industrie 4.0 in deutschen Unternehmen veröffentlicht.

Danach ist jede vierte Maschine bereits heute schon smart, also mit dem Internet verbunden. 49% der befragten Unternehmen arbeiten nach eigener Aussage bereits mit speziellen Anwendungen für Industrie 4.0 und weitere 22% planen ihren Einsatz. In der Mehrheit der Unternehmen existieren bereits strategische Konzepte für die Umsetzung von Industrie 4.0, allerdings nur knapp die Hälfte dieser Unternehmen verfügen bereits über eine Gesamtstrategie für das gesamte Unternehmen.

Starke Zuwächse (+12%) zeigen sich bei den Kooperationen mit mittelständischen und IT-Unternehmen. Ebenfalls suchen die Unternehmen vermehrt die Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen (+5%).

Im Bereich des Personal wird dem Bereich Weiterbildung immer mehr Bedeutung beigemessen. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels (49% der befragten Unternehmen sehen dies als Hemmnis) planen 53% der Unternehmen die Weiterbildung im Bereich Industrie 4.0 und jedes fünfte Unternehmen hat MitarbeiterInnen in diesem Bereich eingestellt.

Die Studie und die Pressemitteilung des Bitkom sind unter folgendem Link abrufbar: https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Industrie-40-Jede-vierte-Maschine-ist-smart.html

Die Kleinen bleiben vorn, die Großen schauen auf Industrie 4.0

Wie steht es um die Digitalisierung der Berliner Wirtschaft?

Diese Frage hat die IHK auch in 2016 erneut untersucht und dabei im Wesentlichen die Ergebnisse der vorherigen Untersuchung bestätigen können. In dieser Ausgabe lag der Schwerpunkt auf der Betrachtung des Themenfeldes Industrie 4.0.

Gerade die kleinen Unternehmen mit weniger als 19 Mitarbeitern weisen einen hohen Digitalisierungsgrad auf und unter ihnen sind die Unternehmen der Digital- und Kreativwirtschaft Vorreiter der Digitalisierung in Berlin. In diesen Unternehmen ist Digitalisierung tatsächlich auch meistens (75%) Sache der Chefinnen und Chefs. Bei den größeren Betrieben stellt sich die Situation genau gegenteilig dar. Größere Unternehmen haben demnach nach wie vor einen niedrigen Digitalisierungsgrad, während sich dort vorwiegend die IT-Abteilungen und weniger die Geschäftsleitung um die Digitalisierung kümmern.

Eine der wichtigsten Hürden bei der Digitalisierung gerade für kleine Unternehmen sind finanzielle Hürden aber auch infrastrukturelle Hindernisse (v.a. schnelles Internet).

In Bezug auf das branchenübergreifend wichtige Thema Industrie 4.0 zeigen sich die meisten Unternehmen zwar interessiert haben aber bislang keinerlei Aktivitäten in diesem Bereich unternommen (60%). Der Informationsbedarf wird hier durch die IHK-Studie als sehr hoch eingeschätzt.

Die Studie der IHK ist abrufbar unter: https://www.ihk-berlin.de/produktmarken/branchen/IT-Wirtschaft/Brancheninformationen/Digitalisierung/Studie-zur-Digitalisierung-der-Berliner-Wirtschaft/2787452

Buchbesprechung: Arbeit 4.0 (Detlef Wetzel)

Detlef Wetzel, Jahrgang 1952, war seit 2007 zweiter Vorsitzender der Gewerkschaft IG Metall und ab 2013 deren erster Vorsitzender. Im Oktober 2015 folgte ihm Jörg Hofman im Amt des ersten Vorsitzenden. Während seiner Zeit als erster Vorsitzender ist sein Buch „Arbeit 4.0“ entstanden.

Buchtitel (Bild) Arbeit 4.0, Detlef Wetzel
Wetzel, D.: Arbeit 4.0 – Beschäftigte und Unternehmen verändern müssen. Herder, Freiburg im Breisgau 2015. Bild: © Verlag Herder GmbH

Detlef Wetzel betrachtet darin die Veränderungen der Arbeitswelt, welche sich unter anderem aus den sogenannten Megatrends Globalisierung und Digitalisierung ergeben und mit dem Begriff Industrie 4.0 beschrieben werden. Während im Bereich der technischen Innovationen und den Veränderungen der Fertigungsprozesse durch die Industrie 4.0 bereits eine Reihe von Publikationen vorliegen, ist das vorliegende Werk eines der ersten, welches sich abseits bereits vorliegender Studien mit den Veränderungen der Arbeitswelt und den Herausforderungen für ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen auseinandersetzt. Das der Autor zugleich Vorsitzender der größten, deutschen Einzelgewerkschaft IG Metall ist, zeigt, dass auch die Gewerkschaften die bedeutenden Veränderungen durch die Industrie 4.0 früh erkannt haben und den Anspruch erheben diese aktiv zu gestalten.

Ein seinem Buch führt Detlef Wetzel zunächst in das Thema Industrie 4.0 ein, ohne sich dabei in komplexen Darstellungen der technischen Veränderungen der Industrie 4.0 zu verlieren. In seiner so beschriebenen „Zukunftsreise“ bewegt sich das Buch entlang der Themen Arbeitsmarkt, Arbeitsverhältnisse und Formen und Entgrenzung der Arbeit, welche er stets mit den Veränderungen durch die Digitalisierung in Verbindung bringt. In verschiedenen Interviews und Beispielen zeigt er hierbei die aktuellen Problembereiche in der Ausbildung, der Weiterbildung und den Arbeitsbedingungen auf. Dabei wird schnell deutlich, dass die Herausforderungen im Bereich der Ausbildung und Weiterbildung nicht erst mit dem Aufkommen der Industrie 4.0 aufgetreten sind, sondern bereits deutlich länger bestehen und nun durch die technologischen und demografischen Veränderungen weiter verstärkt und zugespitzt werden. So forciert die Industrie 4.0 eine Aufwertung anspruchsvoller, wissens- und damit bildungsintensiver Tätigkeiten. Die Anforderungen an qualifizierte Arbeitskräfte steigen damit auch künftig weiter an. Parallel betonen seine InterviewpartnerInnen aber auch, dass es weiterhin gute WerkerInnen braucht, die letztlich den Betrieb am Laufen halten. Errungenschaften die wie die duale Ausbildung / FacharbeiterInnenausbildung sind hierfür essentiell. Am Beispiel des Förderjahres bei Porsche veranschaulichen Wetzel und seine Interviewparter, wie Betriebe auf die demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen reagieren können und zugleich zeigt Wetzel auch auf, dass es gerade auch im Bereich der Weiterbildung noch erhebliche Mißstände durch Politik und Unternehmen zu beheben sind.

Der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben und den Folgen der Entgrenzung der Arbeit beschleunigt durch die Möglichkeiten der Digitalisierung widmet Wetzel den letzten Abschnitt seines Buches. Er beschreibt die Folgen von Arbeitsverdichtung und der Subjektivierung der Arbeit, ohne die Möglichkeiten der mobilen und flexibleren Arbeit pauschal zu kritisieren. Auch hier zeigt er am Beispiel des Unternehmens BMW, wie sich den Folgen des wachsenden Stresses am Arbeitsplatz begegnen lässt. Herauszuheben ist hierbei die Erkenntnis Wetzels und seiner Interviewpartner, dass es sich hierbei weder um ein Problem des Individuums oder des einzelnen Betriebes handelt, sondern um eine gesellschaftliche Herausforderung. Die Leistungsgesellschaft müsse demnach Lösungen finden, welche der DGB beispielsweise in Gestalt der „Guten Arbeit“ definiert und eine Anti-Stress-Verordnung fordert. Herauszuheben bleibt, dass nach Wetzel hierbei die Gewerkschaften nicht pauschal eine flexible Organisation von Arbeit und Arbeitszeiten ablehnen, sondern sich für Regelungen im gegenseitigen Interessenausgleich und im Sinne guter Arbeit einsetzen.

In seinen Erkenntnissen aus seiner „Zukunftsreise“ beschreibt Wetzel ferner die Herausforderungen an die Gewerkschaften die Veränderungen in der Struktur der Wirtschaft einer Industrie 4.0 auch in der gewerkschaftlichen Struktur nachzuvollziehen. Die Fragmentierung der Wertschöpfungsketten (bspw. in Gestalt von Supply-Chain-Netzwerken) erfordere demnach auch eine gewerkschaftliche Organisation entlang dieser Wertschöpfungsketten und damit über Unternehmens- und Landesgrenzen hinweg. Dies mache eine neue Philosophie der Gewerkschaften erforderlich.

Insgesamt beschreibt Detlef Wetzel in seinem Buch sehr anschaulich und leicht verständlich, welche gesellschaftspolitischen und gewerkschaftlichen Herausforderungen die Veränderungen durch die sich wandelnde Industrie und Arbeitswelt mit sich bringen. Das Buch bleibt leider an vielen Stellen sehr allgemein, was die Arbeitsveränderungen durch technologischen Fortschritt und Automatisierung mit sich bringt, stellt dagegen andere Bereiche wie die Aus- und Weiterbildung und Mobilarbeit sehr anschaulich und anhand gut gewählter GesprächspartnerInnen und Beispiele dar. Wer tiefergehende Analysen zur gesellschaftspolitischen Bedeutung der Arbeit 4.0 erwartet hat und sich detaillierte Einblicke in die Industriearbeit der Zukunft (bzw. Gegenwart) erhofft hatte, wird leider enttäuscht. Die Bedeutung von Software und neuen Geschäftsmodellen, die teilweise prekäre Arbeit fördern wurde ebenso wenig behandelt.

Dennoch ist dieses Werk ein wertvoller Beitrag für einen gesellschaftlichen Diskurs zur Gestaltung der Arbeitswelt der Zukunft. Es stellt damit einen wichtigen Baustein im Themenfeld der Industrie 4.0 dar, gerade weil es sich auf die häufig als „weiche“ Themen mißverstandenen Teilbereiche einer Industrie 4.0 konzentriert.


Angaben des Verlags

Titelnr.: 31306
Wetzel, Detlef
Arbeit 4.0
Was Beschäftigte und Unternehmen verändern müssen
ISBN 978-3-451-31306-6
Herder Verlag GmbH