Was ist Dislozierung?

Der aus dem lateinischen stammende Begriff Dislozierung beschreibt in seiner ursprünglichen Bedeutung (Dislokation) die räumlicher Verteilung von Militäreinheiten und -einrichtungen1. Diese dezentrale Aufstellung von Einheiten anstelle der Konzentration an einer Stelle verspricht eine robustere Verteidigungsmöglichkeit. Nun hat sich dieser Begriff aus dem militärischen auch im wirtschaftlichen Bereich verbreitet.

So wird im erweiterten Sinne unter Dislozierung die räumliche Verteilung von Wirtschafts- und/oder Verwaltungseinheiten verstanden, worüber der Begriff auch Eingang in den Sprachgebrauch der Logistik und Sozialwissenschaften gefunden hat (vgl. hierzu Ihde2, Blecker).

In der Logistik beschreiben Blecker und Warnecke die Dislozierung unter dem Gesichtspunkt einer durch Informations- und Kommunikationstechnologien begünstigten und beförderten verteilten Produktionsstruktur, die ursprünglich räumlich konzentriert war und führen damit den Begriff der Dislozierung in die Logistik und industrielle Fertigung (Produktionslogistik) ein3. Warnecke beschreibt die Möglichkeiten der Auflösung der starren Grenzen der Fabrik als Folge der Weiterentwicklung der Kommunikationstechniken und der zunehmenden Vernetzung der Unternehmen untereinander. Aus den steigenden Transportkosten und den begrenzten Kapazitäten der Verkehrsinfrastrukturen leitet er die Anforderungen ab, dass Unternehmen künftig näher am Bedarf produzieren werden, um diesen Engpässen und steigenden Kosten zu entgehen4.

Damit ergeben sich auch Schnittmengen zu den unter dem Stichwort „Industrie 4.0“ subsummierten Veränderungsprozessen in der industriellen Fertigung, insbesondere in Bereichen der Produktionslogistik. Hier entstehen durch die Computisierung und die voranschreitendene Vernetzung von Maschinen, welche sich zudem flexibel programmieren lassen, sogenannte Cyber-Physikalische Syteme (CPS). Diese lassen sich wiederum zu Produktionssystemen vernetzen und darüber hinaus auch mit weiteren Produktionssystemen anderer Produktionsstandorte in einem Produktionsnetzwerk betreiben. Dies können nach der Philosophie der Industrie 4.0 weitere Werke des eigenen Unternehmens aber auch Produktionsanlagen von Kunden, Zulieferern oder Partnerunternehmen auf gleicher Fertigungsstufe sein. Zwar ist dieses Konzept bei näherer Betrachtung äußerst komplex und fordert von allen Teilnehmern eine durchgängige digitale Integration ihrer Fertigung, dennoch werden viele Unternehmen nach derzeitiger Einschätzung diesen Weg beschreiten. Die Ursachen liegen dabei auch in der zunehmenden Volatilität der Versorgungsketten sowie steigenden Transportkosten. Hinzu kommen zunehmende Unsicherheiten entlang der Supply-Chains durch Terrorismus, politische Instabiltäten und letztlich ein verschärfter Druck zu CO2-Einsparungen5.

Begünstigt durch die schnelle technische Innovation und die Möglichkeiten der Vernetzung lässt sich die industrielle Fertigung  dezentralisieren und möglichst nahe an den tatsächlichen Verbrauch verlegen (sogenanntes „near shoring“). Der Begriff der Dislozierung lässt sich somit erweitern und kann als verteiltes Produzieren in vernetzten, teil- oder vollautonomen Systemen begriffen werden, welches sich nach der Philosophie einer Industrie 4.0 in Gestalt Cyber-Physikalischer Produktionssysteme ad-hoc und bedarfsbezogen über Unternehmensgrenzen hinweg organisiert.

Quellen: