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Buchbesprechung: Arbeit 4.0 (Detlef Wetzel)

Detlef Wetzel, Jahrgang 1952, war seit 2007 zweiter Vorsitzender der Gewerkschaft IG Metall und ab 2013 deren erster Vorsitzender. Im Oktober 2015 folgte ihm Jörg Hofman im Amt des ersten Vorsitzenden. Während seiner Zeit als erster Vorsitzender ist sein Buch „Arbeit 4.0“ entstanden.

Buchtitel (Bild) Arbeit 4.0, Detlef Wetzel
Wetzel, D.: Arbeit 4.0 – Beschäftigte und Unternehmen verändern müssen. Herder, Freiburg im Breisgau 2015. Bild: © Verlag Herder GmbH

Detlef Wetzel betrachtet darin die Veränderungen der Arbeitswelt, welche sich unter anderem aus den sogenannten Megatrends Globalisierung und Digitalisierung ergeben und mit dem Begriff Industrie 4.0 beschrieben werden. Während im Bereich der technischen Innovationen und den Veränderungen der Fertigungsprozesse durch die Industrie 4.0 bereits eine Reihe von Publikationen vorliegen, ist das vorliegende Werk eines der ersten, welches sich abseits bereits vorliegender Studien mit den Veränderungen der Arbeitswelt und den Herausforderungen für ArbeitnehmerInnen und ArbeitgeberInnen auseinandersetzt. Das der Autor zugleich Vorsitzender der größten, deutschen Einzelgewerkschaft IG Metall ist, zeigt, dass auch die Gewerkschaften die bedeutenden Veränderungen durch die Industrie 4.0 früh erkannt haben und den Anspruch erheben diese aktiv zu gestalten.

Ein seinem Buch führt Detlef Wetzel zunächst in das Thema Industrie 4.0 ein, ohne sich dabei in komplexen Darstellungen der technischen Veränderungen der Industrie 4.0 zu verlieren. In seiner so beschriebenen „Zukunftsreise“ bewegt sich das Buch entlang der Themen Arbeitsmarkt, Arbeitsverhältnisse und Formen und Entgrenzung der Arbeit, welche er stets mit den Veränderungen durch die Digitalisierung in Verbindung bringt. In verschiedenen Interviews und Beispielen zeigt er hierbei die aktuellen Problembereiche in der Ausbildung, der Weiterbildung und den Arbeitsbedingungen auf. Dabei wird schnell deutlich, dass die Herausforderungen im Bereich der Ausbildung und Weiterbildung nicht erst mit dem Aufkommen der Industrie 4.0 aufgetreten sind, sondern bereits deutlich länger bestehen und nun durch die technologischen und demografischen Veränderungen weiter verstärkt und zugespitzt werden. So forciert die Industrie 4.0 eine Aufwertung anspruchsvoller, wissens- und damit bildungsintensiver Tätigkeiten. Die Anforderungen an qualifizierte Arbeitskräfte steigen damit auch künftig weiter an. Parallel betonen seine InterviewpartnerInnen aber auch, dass es weiterhin gute WerkerInnen braucht, die letztlich den Betrieb am Laufen halten. Errungenschaften die wie die duale Ausbildung / FacharbeiterInnenausbildung sind hierfür essentiell. Am Beispiel des Förderjahres bei Porsche veranschaulichen Wetzel und seine Interviewparter, wie Betriebe auf die demografischen und gesellschaftlichen Veränderungen reagieren können und zugleich zeigt Wetzel auch auf, dass es gerade auch im Bereich der Weiterbildung noch erhebliche Mißstände durch Politik und Unternehmen zu beheben sind.

Der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben und den Folgen der Entgrenzung der Arbeit beschleunigt durch die Möglichkeiten der Digitalisierung widmet Wetzel den letzten Abschnitt seines Buches. Er beschreibt die Folgen von Arbeitsverdichtung und der Subjektivierung der Arbeit, ohne die Möglichkeiten der mobilen und flexibleren Arbeit pauschal zu kritisieren. Auch hier zeigt er am Beispiel des Unternehmens BMW, wie sich den Folgen des wachsenden Stresses am Arbeitsplatz begegnen lässt. Herauszuheben ist hierbei die Erkenntnis Wetzels und seiner Interviewpartner, dass es sich hierbei weder um ein Problem des Individuums oder des einzelnen Betriebes handelt, sondern um eine gesellschaftliche Herausforderung. Die Leistungsgesellschaft müsse demnach Lösungen finden, welche der DGB beispielsweise in Gestalt der „Guten Arbeit“ definiert und eine Anti-Stress-Verordnung fordert. Herauszuheben bleibt, dass nach Wetzel hierbei die Gewerkschaften nicht pauschal eine flexible Organisation von Arbeit und Arbeitszeiten ablehnen, sondern sich für Regelungen im gegenseitigen Interessenausgleich und im Sinne guter Arbeit einsetzen.

In seinen Erkenntnissen aus seiner „Zukunftsreise“ beschreibt Wetzel ferner die Herausforderungen an die Gewerkschaften die Veränderungen in der Struktur der Wirtschaft einer Industrie 4.0 auch in der gewerkschaftlichen Struktur nachzuvollziehen. Die Fragmentierung der Wertschöpfungsketten (bspw. in Gestalt von Supply-Chain-Netzwerken) erfordere demnach auch eine gewerkschaftliche Organisation entlang dieser Wertschöpfungsketten und damit über Unternehmens- und Landesgrenzen hinweg. Dies mache eine neue Philosophie der Gewerkschaften erforderlich.

Insgesamt beschreibt Detlef Wetzel in seinem Buch sehr anschaulich und leicht verständlich, welche gesellschaftspolitischen und gewerkschaftlichen Herausforderungen die Veränderungen durch die sich wandelnde Industrie und Arbeitswelt mit sich bringen. Das Buch bleibt leider an vielen Stellen sehr allgemein, was die Arbeitsveränderungen durch technologischen Fortschritt und Automatisierung mit sich bringt, stellt dagegen andere Bereiche wie die Aus- und Weiterbildung und Mobilarbeit sehr anschaulich und anhand gut gewählter GesprächspartnerInnen und Beispiele dar. Wer tiefergehende Analysen zur gesellschaftspolitischen Bedeutung der Arbeit 4.0 erwartet hat und sich detaillierte Einblicke in die Industriearbeit der Zukunft (bzw. Gegenwart) erhofft hatte, wird leider enttäuscht. Die Bedeutung von Software und neuen Geschäftsmodellen, die teilweise prekäre Arbeit fördern wurde ebenso wenig behandelt.

Dennoch ist dieses Werk ein wertvoller Beitrag für einen gesellschaftlichen Diskurs zur Gestaltung der Arbeitswelt der Zukunft. Es stellt damit einen wichtigen Baustein im Themenfeld der Industrie 4.0 dar, gerade weil es sich auf die häufig als „weiche“ Themen mißverstandenen Teilbereiche einer Industrie 4.0 konzentriert.


Angaben des Verlags

Titelnr.: 31306
Wetzel, Detlef
Arbeit 4.0
Was Beschäftigte und Unternehmen verändern müssen
ISBN 978-3-451-31306-6
Herder Verlag GmbH

Die vierte industrielle Revolution

Zur Begriffsbildung der industriellen Revolution und Industrie 4.0

Hintergrund des Begriffes Industrie 4.0

Industrie 4.0 hat sich binnen kürzester Zeit zu einer omnipräsenten Bezeichnung in den Fach­publikationen entwickelt und ist nicht zuletzt als Leitmotto für die Industrie­messe 2014 in Hannover [1] einem größeren öffentlichen Publikum bekannt geworden. Auch der Welt­konzern Siemens, einer der führenden Anbieter im Bereich der Auto­ma­ti­ons­technik für die Industrie hat in seiner Presse- und Analystenkonferenz vom 07. Mai 2014 die Neu­­aus­richtung des Konzerns auf die Schwerpunkte Elektrifizierung, Auto­ma­ti­sie­rung und Di­gitalisierung unter dem Stichwort „Vision 2020“ bekanntgegeben [2]. Der Konzern richtet sich damit auf die wesentlichen Felder der unter Industrie 4.0 beschriebenen Tech­no­logien aus.

Der Begriff Industrie 4.0 ist eine Wortschöpfung, deren Ursprung auf den gleichnamigen Ar­beits­kreis eines Forschungsprojektes der Forschungsunion [3] zurückgeht, welcher im Rahmen der Hightech-Strategie (HTS) der Bundesregierung gefördert wurde [4]. Die Ar­beits­gruppe der Forschungsunion hat hierzu im Oktober 2012 ihren Forschungsbericht mit dem Titel „Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0“ vor­gelegt [5].

Häufig wird in diesem Zusammenhang von einer industriellen Revolution gesprochen, die gerade beginne und genauer betrachtet sei dies nun die vierte industrielle Revolution nach jenen durch die Computer- und Kommunikationstechnik, der Elektrifizierung sowie der Erfindung der Dampfmaschine. Die Nummerierung der Revolutionen spiegelt dabei den durch Informationstechnik geprägten Zeitgeist wider und erklärt den Begriff Industrie 4.0 angelehnt an die Versionierung (Releases) von Software.

Während im Um­feld der computertechnologisch geprägten Fertigung von der vierten Industriellen Re­vo­lu­tion gesprochen wird, existieren auf anderen Feldern weitere Be­schrei­bungs­an­sätze, die sich z.B. auf die Definition von industriellen Revolutionen aus dem Zusammenhang mit Veränderung von Energieregimen beziehen [6] bzw. den Begriff der industriellen Re­vo­lutionen nur im Gesamtzusammenhang mit wirtschaftlichen, politischen und ge­sell­schaft­lichen Veränderungen akzeptieren [7]. Auch der Zählerstand bei den Revolutionen ist uneinheitlich. In der Literatur finden sich unterschiedliche Einschätzungen zur Klas­si­fi­zierung und semantischen Ordnung von industriellen Revolutionen. Rifkin beschreibt die aktuellen Veränderungen als die Dritte industrielle Revolution [8], welche das Ende des Ölzeitalters markiere, Ziegler problematisiert bereits den Begriff der zweiten industriellen Revolution und akzeptiert daher nur für die erste Phase der gesellschaftlichen und wirt­schaftlichen Umwälzungen im 18. Jahrhundert die Bezeichnung Revolution [9]. Die De­fi­ni­ti­onsansätze in der Literatur sind dabei aber nicht komplett widersprüchlich, sondern neh­men vielmehr unterschiedliche Sichten auf den Begriff der industriellen Revolution ein. Im folgenden soll daher die Begriffsverwendung der Industriellen Revolution genauer erläutert werden.

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